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Kommt es zu Kampfmassnahmen?

Der Entscheid war glasklar: Die Delegierten der Druckindustrie lehnen das GAV-Diktat des Viscom einstimmig ab. Sie fordern von ihren Patrons die Wiederaufnahme der Verhandlungen, sind aber auch bereit, gegen deren giftiges Paket zu kämpfen. 

An der Wand das Transparent mit dem neuen Alphabet der Arbeitgeber: «GAV = Gratis-Arbeitszeit-Verlängerung». Im brechend vollen Saal haben alle die Drohung verstanden. Ja, genau darum sind sie am 8. Dezember nach Bern gekommen. Zur grössten Branchenkonferenz der Druckerinnen und Drucker, die er je erlebt habe, wie Pierre Djongandeke, Vizepräsident der Branche, feststellte. Die Delegierten hatten viele Kolleginnen und Kollegen mitgebracht, gleich 30 Beschäftigte von Tamedia waren zum Beispiel dabei. Und demonstrierten als Zeitungsleute damit von Anfang an, dass ein besonders schäbiges Manöver des Arbeitgeberverbandes Viscom wohl scheitern wird. Davon später mehr.

Die Konferenz musste über das Verhandlungsergebnis zu einem neuen Gesamtarbeitsvertrag entscheiden, der alte läuft zum Jahresende aus. Sechs Mal hatten die Verhandlungsdelegationen von syndicom, Syna und Viscom seit dem 20. September zusammengesessen. Kleinere Fortschritte hatte es gegeben, bei den Mindestlöhnen für Berufsleute im ­ersten Jahr und für Ungelernte (je 200 Franken mehr). Auch über eine leichte Erhöhung der Lehrlingslöhne im ersten und zweiten Lehrjahr hatte man sich verständigt, zudem über bessere Kontrollmechanismen und eine tragfähige Finanzierung der Weiterbildung. All dies jedoch sollte nach dem Willen der Arbeitgeber von massiven Zugeständnissen bei der Arbeitszeit und bei den Zuschlägen abhängig sein. Ihre Forderungen: Die Arbeitszeit solle ohne Lohnausgleich von 40 auf 42 Stunden verlängert und die Zuschläge für Nachtarbeit und Überstunden sollten radikal gekürzt werden (Details in der letzten Ausgabe von «syndicom»).

Drei Wochen Gratisarbeit im Jahr und weniger Zuschläge, das summiert sich zu Lohnverlusten von bis zu 800 Franken monatlich. Für diejenigen, die dann noch eine Stelle haben: Bei jetzt schon erheblichen Überkapazitäten und einem bisher ungebremsten Rückgang der Druckaufträge führt die gewünschte Arbeitszeitverlängerung zwangsläufig zum weiteren Abbau von Hunderten von Arbeitsplätzen.

Die Delegationen von syndicom und Syna sagten Nein, von Anfang an. «Doch unser Nein wollte Viscom nicht als Nein, sondern als Verhandlungsangebot verstehen», berichtete Nik­laus Dähler, der Präsident der Branche GIV von syndicom. Verständigungshilfe bot da die Petition «Nein zur 42-Stunden-Woche und zu Lohnkürzungen», die gut 2200 Kolleginnen und Kollegen aus 90 Betrieben unterschrieben hatten und die in der Verhandlungsrunde am 22. November dem Viscom präsentiert wurde. Die Arbeitgeber starteten daraufhin ein Manöver, das sie wohl ihren deutschen Kollegen abgeschaut hatten: nichts weniger als einen Spaltungsversuch.

­Andreas Fröhlich von der deutschen Dienstleistungsgewerkschaft Verdi berichtete, wie die Arbeitgeber in Deutschland schon im letzten Jahr versucht hatten, die Arbeitszeiten in den Druckereien zu verlängern (s. Interview). Ganz im gleichen Geist bot der Viscom den Schweizer Zeitungsdruckern an, es in ihren Betrieben bei 40 Stunden zu belassen und die Zuschläge weniger stark zu senken. Allen anderen Betrieben sollte es aber möglich sein, 42 Stunden zu arbeiten. Also eine Kann-Formulierung: der typische Schweizer Weg, den schon die Maschinen- und Elektroindustrie mit ihrem «Krisenartikel» den Gewerkschaften aufgezwungen hatte.

An der Branchenkonferenz lehnten jetzt auch die Vertreter der Zeitungsdruckereien von Tamedia, NZZ und anderen im Namen ihrer Kolleginnen und Kollegen solche Spaltungsversuche ab. Ganz ohne Hintertürchen. Zu deutlich war schliesslich, worum es den Arbeitgebern eigentlich geht. Flexibel genug könnten die Druckereien ja schon jetzt arbeiten, meinte Roland Kreuzer, der Leiter des Sektors Medien bei syndicom. Denn dank der im GAV bereits verankerten Möglichkeit, Jahresarbeitszeitmodelle zu vereinbaren, könnte schon jetzt – mit etwas organisatorischem Aufwand – zeitweise 42 Stunden gearbeitet werden. Doch das versteht Viscom-Direktor Thomas Gsponer offenbar nicht unter dem «grösseren Handlungsspielraum der Unternehmen», den er immer wieder verlangt. Er will viel mehr, und da ist er im Einklang mit anderen Arbeitgeberverbänden.

Es geht um eine Schwächung der Gewerkschaften, die in den letzten Jahren als Folge der flankierenden Massnahmen zur Personenfreizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt spürbar an Einfluss gewonnen haben. Darum das Viscom-Verhandlungsdiktat: Ein klar verschlechterter GAV mit einem für die ganze Industrie folgenreichen Dammbruch bei der Arbeitszeit oder kein neuer Vertrag. «Man kann zu diesem Angriff nur Nein sagen», kommentierte syndicom-Co-Präsident Alain Carrupt.

Das tat die Branchenkonferenz. Wie zuvor schon die Gewerkschaft Syna, lehnten auch die syndicom-Delegierten die Abbauforderungen geschlossen ab und forderten die Arbeitgeber auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Sind sie dazu nicht bereit, soll eine Urabstimmung über Kampfmassnahmen entscheiden. Zentralsekretär Hans-Peter Graf geht davon aus, dass der Branchenvorstand am 19. Januar zusammen mit den Delegierten aus den grossen Betrieben die Abstimmung vorbereiten kann, um sie wenn nötig möglichst bald durchzuführen. Wenn dann der Frühling kommt und Viscom uneinsichtig bleibt, könnten schon die ersten Drucker auf die Stras­se gehen.

Michael Stötzel ist freier Journalist u. a. für «work».

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