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IG Migration: Keine «Wegwerfmenschen»

Am 1. und 2. Juni führte die Interessengruppe Migration in Ipsach eine Zukunftswerkstatt durch. Salvatore Pittà, Präsident der Migrationskommission, und die zuständige Zentralsekretärin Therese Wüthrich eröffneten die Zukunftswerkstatt am Freitagmorgen. Es wurde bewusst von der üblichen Form von Konferenzen abgewichen, weil in den kommenden zwei Tagen mit allen Teilnehmenden zusammen versucht werden sollte, eine gemeinsame Vorstellung über die gewerkschaftliche Migrationspolitik von syndicom zu entwickeln.

 

SusanneOehler

 

In seinen aufschlussreichen Ausführungen liess Guglielmo Bozzolini, Präsident der SGB-Migrationskommission, die Schweizer Gewerkschaftsgeschichte aus Sicht der Migrantinnen und Migranten Revue passieren: Nachdem sie bereits bei der Gründung der Gewerkschaften in unserem Land eine zentrale Rolle gespielt hatten, trugen die Migrantinnen und Migranten in den 80er-Jahren massgeblich zur Erneuerung vor allem der damaligen GBH (Gewerkschaft Bau und Holz, heute Unia) bei. Heute machen sie im SGB fast die Hälfte der Mitglieder aus, womit der SGB eine der grössten Organisationen für Migrantinnen und Migranten in der Schweiz ist. Trotz allem bezeugen die Gewerkschaften nach wie vor grosse Mühe damit, interkulturell zu arbeiten.


Mehr als nur ein positiver Wirtschaftsfaktor

Guglielmo Bozzolini machte darauf aufmerksam, dass die traditionelle Aufgabenteilung zwischen Gewerkschaften und Parteien für die Migrantinnen und Migranten oft nicht stimmt. Sie erwarten von ihren Gewerkschaften auch eine aktive Vertretung in der Politik, da dies für sie meist die einzige Möglichkeit ist, sich politisch zu äussern. Guglielmo Bozzolini stellte abschliessend fest, dass heute die Wirtschaft besser als die Gewerkschaften in der Lage sei, von den besonderen Kompetenzen der Migrantinnen und Migranten zu profitieren.


Die Wertschätzung fehlt

Pedro Sancho und Bernadette Häfliger Berger zeigten in ihren kurzen Referaten die sehr unterschiedliche Migrationspolitik der beiden Vorläufergewerkschaften von syndicom auf, und Salvatore Pittà konnte davon berichten, dass sich bei syndicom diese unterschiedlichen Vorstellungen bereits in einer fruchtbaren Zusammenarbeit gefunden haben. Nach eineinhalb Jahren blickt die IG Migration mit dem erfolgreichen Start der regionalen Gruppe in Härkingen und Bern und den Sprachkursen bei der Post auf erste konkrete Erfolge zurück.


In verschiedenen Workshops wurden danach die Fragen diskutiert, was Migrationsarbeit in einer Gewerkschaft heute bedeutet und wohin die Reise führen soll. Dabei wurde betont, dass eine erfolgreiche Integration bedingt, dass beide Seiten aufeinander zugehen. Bedauert wurde die zum Teil mangelnde Aktivität der Gewerkschaften in Migrationsfragen. Damit Migrantinnen und Migranten der ihnen zustehende Platz eingeräumt wird, brauche es ein umfassendes Bildungsangebot auch in allgemeiner Politik. Mit regelmässigen Veranstaltungen über aktuelle Themen in den Betrieben erreiche man Migrantinnen und Migranten am besten.

 

Die Übersetzung wichtiger Informationen und Flugblätter in die Herkunftssprache sei für viele eine Grundlage für die aktive Mitsprache in der Gewerkschaft und im Betrieb. Auch das Thema Wertschätzung griffen die Teilnehmenden in den Arbeitsgruppen immer wieder auf, diese fehle noch oft gegenüber Migrantinnen und Migranten. Mitglieder der Migrationsgruppe Härkingen berichteten aber auch davon, dass sich bei ihnen das Klima im Betrieb bedeutend gebessert habe, seit in der syndicom-Zeitung über die Arbeit der Migrationsgruppe orientiert wurde.
Die Tagung klang mit einem spannenden und visionären Referat von Christophe Tafelmacher (Rechtsanwalt aus Lausanne) aus: Er zeigte darin unter anderem auf, dass sich die dauernden Verschlechterungen in der Ausländergesetzgebung auf den ganzen Rechtsstaat Schweiz negativ auswirken. Zwar würden Migrantinnen und Migranten in der Schweiz als positiver Wirtschaftsfaktor gerne wahrgenommen, als Menschen würden sie in ihren Rechten aber immer mehr beschränkt. Es müsse heute gar von einer Zivilisation von «Wegwerfmenschen» gesprochen werden, meinte Tafelmacher.


Die IG Migration wird im Anschluss an diese Zukunftswerkstatt bis zum Kongress 2013 ein umfassendes Leitbild zur gewerkschaftlichen Migrationspolitik verfassen und konkrete Vorschläge zur Migrationsarbeit in den Betrieben machen.


Bernadette Häfliger Berger, als Gleichstellungsverantwortliche in der Geschäftsleitung auch für die IG Migration zuständig

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